Als große Komplikationen gelten in der Uhrmacherei vor allem drei Mechanismen: das Tourbillon, das lageabhängige Gangfehler ausgleichen soll, die Minutenrepetition, die die Uhrzeit auf Wunsch mit Hämmern und Tonfedern schlägt, und der ewige Kalender, der Monatslängen und Schaltjahre mechanisch berücksichtigt. Hinzu kommen Schlagwerke wie die Grande Sonnerie und der Schleppzeiger-Chronograph. Gemeinsam ist ihnen, dass sie auf kleinstem Raum ein Höchstmaß an Konstruktion, Handarbeit und Erfahrung verlangen. Genau deshalb sind sie selten.
Komplikationen-UhrEine live laufende Uhr: Chronograph starten, Mondphase lesen, Repetition hören.Wie funktioniert ein Tourbillon?
In einer Taschenuhr, die meist senkrecht in der Westentasche steckte, zieht die Schwerkraft die Unruh stets in dieselbe Richtung und verursacht so einen Gangfehler. Abraham-Louis Breguet setzte deshalb Unruh, Spirale, Anker und Ankerrad in einen drehbaren Käfig, der sich in der Regel einmal pro Minute um die eigene Achse dreht. Die lageabhängigen Fehler treten dadurch in allen Richtungen auf und gleichen sich weitgehend aus. Am 26. Juni 1801, nach dem Revolutionskalender dem 7. Messidor des Jahres IX, erhielt Breguet dafür ein Patent mit zehn Jahren Laufzeit; das erste Tourbillon verkaufte er 1805.
Am Handgelenk wechselt die Lage ohnehin ständig, deshalb ist der Präzisionsvorteil eines Tourbillons in einer Armbanduhr begrenzt. Sein Reiz liegt heute vor allem in der Kunstfertigkeit: Der Käfig wiegt oft weniger als ein Gramm und muss dennoch perfekt ausbalanciert sein. Varianten sind das fliegende Tourbillon, das nur einseitig gelagert ist, und Konstruktionen mit mehreren Drehachsen. Verwandt ist das Karussell, das der in England tätige Däne Bahne Bonniksen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte: Auch hier dreht sich die Hemmung in einem Käfig, der Antrieb ist jedoch anders gelöst, und die ursprünglichen Konstruktionen drehten sich deutlich langsamer. Das Haus Breguet pflegt das Erbe seines Gründers bis heute. Weitere Details bietet der Lexikoneintrag Tourbillon.
Was ist eine Minutenrepetition?
Eine Minutenrepetition schlägt die Uhrzeit auf Wunsch akustisch. Nach dem Betätigen eines Schiebers an der Gehäuseflanke ertönen zunächst tiefe Schläge für die Stunden, dann Doppelschläge in zwei Tonlagen für die Viertelstunden und schließlich hohe Schläge für die Minuten seit der letzten Viertelstunde. Um 10:52 Uhr wären das zehn tiefe Schläge, drei Doppelschläge und sieben hohe Schläge. Der Schieber spannt dabei eine eigene Feder, die das Schlagwerk antreibt; Staffeln tasten die Stellung von Stunden-, Viertel- und Minutenanzeige ab und bestimmen die Zahl der Schläge.
Repetitionsmechanismen entstanden im späten 17. Jahrhundert in England, als man die Uhrzeit auch im Dunkeln erfahren wollte. Ihre Herstellung gilt als besonders anspruchsvoll, weil neben der Mechanik der Klang entscheidet: Material und Form der Tonfedern, die Abstimmung der Hämmer, das Gehäuse als Resonanzkörper und ein gleichmäßiger Rhythmus, den ein Windfang oder Fliehkraftregler steuert. Viele Häuser lassen jede Repetition von erfahrenen Uhrmachern abstimmen und abhören. Mehr dazu im Lexikoneintrag Minutenrepetition.
Wie funktioniert ein ewiger Kalender?
Ein einfacher Datumsmechanismus kennt nur 31 Tage und muss nach jedem kürzeren Monat von Hand korrigiert werden. Ein ewiger Kalender berücksichtigt dagegen die unterschiedlichen Monatslängen und das Schaltjahr. Herzstück ist ein Programmrad mit unterschiedlich tiefen Kerben für die Monatslängen. Je nach Konstruktion dreht es sich einmal in vier Jahren und erfasst so auch den Februar im Schaltjahr, oder ein zusätzliches Rad übernimmt diese Aufgabe. Angezeigt werden meist Datum, Wochentag, Monat und Schaltjahr, oft ergänzt durch eine Mondphase.
Weil der gregorianische Kalender das Jahr 2100 nicht als Schaltjahr zählt, müssen die meisten ewigen Kalender dann um einen Tag korrigiert werden; nur sehr wenige säkulare Kalender berücksichtigen auch diese Regel. Als Pionier gilt der Engländer Thomas Mudge, der um 1762 eine Taschenuhr mit ewigem Kalender baute. Die Patek Philippe Nr. 97 975 von 1925 gilt als erste Armbanduhr mit ewigem Kalender; 1941 folgte mit der Referenz 1526 die erste in Serie gefertigte. Bedienung und Varianten beschreibt der Eintrag Ewiger Kalender.
Verstellen Sie Datum und Kalender möglichst nicht in den Stunden um Mitternacht, wenn der Schaltmechanismus bereits im Eingriff ist. Ist ein ewiger Kalender stehen geblieben, lassen Sie ihn am sichersten beim Fachhändler oder Hersteller neu einstellen.
Grande Sonnerie, Petite Sonnerie und Grande Complication
Noch aufwendiger als die Repetition sind Schlagwerke, die die Zeit von selbst schlagen. Die Grande Sonnerie schlägt zu jeder Viertelstunde automatisch die Stunden und die Viertel, die Petite Sonnerie schlägt die Stunden nur zur vollen Stunde und zu den Vierteln nur die Viertelschläge. Solche Uhren besitzen meist zusätzlich eine Repetition und einen Schalter, mit dem sich das Schlagwerk stummschalten lässt. Weil der automatische Schlag über den Tag viel Energie verbraucht, braucht es ein eigenes Federhaus und eine sehr sorgfältige Energieverwaltung.
Als Grande Complication bezeichnet man in der Regel eine Uhr, die Komplikationen aus drei Familien vereint: eine Zeitmessung wie den Chronographen, eine astronomische Anzeige wie den ewigen Kalender mit Mondphase und ein Schlagwerk wie die Minutenrepetition. Eine verbindliche Definition gibt es nicht. Berühmt ist etwa die Taschenuhr, die Patek Philippe 1933 für den Bankier Henry Graves Jr. fertigstellte. Bis heute setzen hier vor allem die Häuser der Heiligen Dreifaltigkeit Maßstäbe.
Bonus: der Chronograph mit Rattrapante
Ein Chronograph ist eine Uhr mit zuschaltbarer Stoppfunktion. Die Rattrapante, auf Deutsch Schleppzeiger-Chronograph, besitzt zwei übereinanderliegende Stoppsekundenzeiger. Beide laufen gemeinsam los; per Drücker lässt sich einer anhalten, um eine Zwischenzeit abzulesen, während der andere weiterläuft. Ein weiterer Druck lässt den angehaltenen Zeiger zum laufenden aufholen, daher der Name vom französischen „rattraper“, einholen. Technisch verlangt das eine zusätzliche Zange, die das Rad des Schleppzeigers festhält, ohne den Gang der Uhr zu stören. Die Grundlagen erklärt der Eintrag Chronograph.
Warum sind große Komplikationen so selten?
- Konstruktion: Repetition oder ewiger Kalender bestehen aus zahlreichen zusätzlichen Teilen, die auf wenigen Millimetern fehlerfrei zusammenwirken müssen.
- Handarbeit: Montage, Abstimmung und Feinregulierung erfolgen weitgehend von Hand, oft durch einzelne Spezialisten über viele Wochen.
- Erfahrung: Nur wenige Uhrmacher beherrschen Schlagwerke vollständig; das Wissen wird über Jahre weitergegeben.
- Service: Auch die Revision verlangt Spezialisten und gehört zum Hersteller oder zu einem autorisierten Fachbetrieb.
Für Sammler ist eine große Komplikation deshalb weniger eine Frage des Nutzens als der Wertschätzung für Handwerk. Lassen Sie sich die Funktionen vorführen, hören Sie eine Repetition in ruhiger Umgebung und achten Sie beim ewigen Kalender auf eine klare, gut ablesbare Anordnung der Anzeigen.
Häufige Fragen
Was ist die schwierigste Komplikation einer Uhr?
Als besonders anspruchsvoll gelten Schlagwerke, allen voran Grande Sonnerie und Minutenrepetition, weil neben der Mechanik auch der Klang stimmen muss. Auch ewige Kalender und Tourbillons verlangen höchste Präzision. Eine feste Rangfolge gibt es jedoch nicht.
Macht ein Tourbillon eine Armbanduhr genauer?
Nur begrenzt. Das Tourbillon wurde für Taschenuhren entwickelt, die meist in derselben Lage getragen wurden. Am Handgelenk wechselt die Lage ständig, sodass der Vorteil kleiner ausfällt; geschätzt wird es heute vor allem als Ausdruck handwerklicher Meisterschaft.
Muss man einen ewigen Kalender jemals korrigieren?
Bei den meisten Konstruktionen erst im Jahr 2100, weil dieses Jahr im gregorianischen Kalender kein Schaltjahr ist. Voraussetzung ist, dass die Uhr ununterbrochen läuft. Bleibt sie stehen, muss der Kalender neu eingestellt werden.
Was ist der Unterschied zwischen Grande und Petite Sonnerie?
Die Grande Sonnerie schlägt zu jeder Viertelstunde die Stunden und die Viertel. Die Petite Sonnerie schlägt die Stunden nur zur vollen Stunde und zu den Vierteln nur die Viertelschläge.
